Kultur, Geschichte und Brauchtum in Oberschwaben

Von Allgäuer Besenkapellen und Pestängsten

Bei seiner Wanderung durch Allgäuer Landschaften kommt der Spaziergänger gelegentlich an kleinen Kapellen vorbei, in denen er neben einem Altar, einer Kreuzigungsgruppe und Gebetsgestühl, das zur stillen Einkehr einlädt, auch einige Reisigbesen am Altarraum vorfindet. Er befindet sich in einer sogenannten "Besenkapelle" oder liebevoll ausgedrückt, in einem "Besen-käpelle". Diese kleinen Kapellen lassen sich vermutlich auf Pestzeiten zurückführen. Die damaligen Menschen, die von der Pestkrankeit verschont geblieben sind oder sie überlebt haben, opferten dafür einen Reisigbesen. Dieser Brauch wird bis heute beibehalten. Bei Hautauschlägen oder "Rufen" (Furunkeln) opfern sie ebenfalls einen Reisigbesen für eine Kapelle in ihrer Umgebung, daher "Besenkapelle" oder "Besenkäpelle".

Im Mittelalter wütete in Europa und in unserer Heimat eine furchtbare Krankheit. Es war die Pest, die Tausende von Menschen überfallen und ganze Dörfer ausgerottet hatte. Mit Holzkarren wurden die Toten aus den Dörfern hinausbefördert und in den Pestfriedhöfen rasch beerdigt, damit nicht noch mehr Menschen angesteckt werden konnten. Der Tod kam rasch und hinterhältig, der Todeskampf war schrecklich und grausam. Der Tod ruhte nicht, bis auch jene, die bei der Beerdigung der Opfer mitgewirkt hatten, selbst an der Reihe waren. So hatte die Pest in Oberschwaben und im Allgäu ganze Ortschaften leergefegt. Die Angst vor Krankheit und Ansteckung ließ die Menschen ratlos und ohne Kontakt zueinander zurück.

Pestfriedhof in Legau

Ein Friedhof für die Pesttoten kann noch heute in Legau im Ortsteil Lehenbühl besucht werden. Mein Besichtigungstag fiel auf einen nebligen und regnerischen Sonntag im August 2024. Neben dem Schauer, der mir über den Rücken lief, empfand ich auch große Dankbarkeit für die Pflege ihrer letzten Ruhestätte und das Wachhalten der Erinnerung an unsere Pesttoten. Altehrwürdige eiserne Grabkreuze aus dem 18.Jahrhundert und die nahe Wallfahrtskirche „Maria Schnee“ mit den Pestheiligen Rochus und Sebastian, sowie die jährlichen Marienwallfahrten im Allgäu halten die Erinnerungskultur für Jahrhunderte lebendig.

Auf einer Steintafel am Friedhofseingang wird das Leid der Menschen in eindringlichen Worten vermerkt.

„Hier ruhen Hunderte von Toten als Opfer der Pest aus den Jahren 1530-1563 und 1564-1572. Hier liegen 212 Legauer Pfarrkinder, welche die Pest im Jahre 1628 bis 1630 hinwegraffte. Hier schlafen Hunderte von Toten aus dem Pestjahr 1635.“

Text und Fotos: Peter Treiber (August 2024)

Der Wanderweg Schwarzwald-Alb-Allgäu

Schild
Besenkapelle
Hofgut Herrenberg
Besenkapelle
Hofkapelle in Krummen (Richtung Kreuzthal), 1678 erbaut, mehrmals umgebaut

Der Wanderweg Schwarzwald-Alb-Allgäau führt auf der Adelegg, einem Höhenzug zwischen Isny und Leutkirch, am Hof Herrenberg vorbei, zu dem eine solche Besenkapelle gehört, die direkt am Weg liegt. Von Rimpach bei Friesenhofen oder zwischen Schmiedsfelden (einem Glashüttendorf) und Blockwiesen führen ebenfalls Wege zur Adelegg und zum Hof Herrenberg.

Allersdings befindet sich zur Zeit (Januar 2001) nur ein einziger Besen in der Besenkapelle. Vielleicht verlassen sich die Menschen doch lieber auf die moderne Medizin als auf die Bräuche und Heilmethoden früherer Jahrhunderte.

Kapelle

Die Besenkapelle oder auch Pestkapelle auf dem Herrenberg ist dem heiligen Rochus gewidmet .Sie wurde einst von Benediktinermönchen errichtet , ebenso das nebenstehende Gehöft. In der Mitte des Altarraums dominiert eine gewaltige Christusfigur am Kreuz , daneben nehmen sich die beiden biblischen Frauengestalten Maria und Magdalena geradezu klein und bescheiden aus.

Kapelle

(Literaturhinweis: Geo Nr. 8 August 2000; S. 94, Der Schamane aus dem Allgäu)

Vielleicht weiß der eine oder andere Leser noch mehr zu diesem Thema oder kann den vorliegenden Bericht mit eigenen Erkenntnissen ergänzen.

Kapelle
Der Kirchturm in Kreuzthal stellt eine Besonderheit dar, egal von welcher Seite man ihn sieht, er sieht immer schief aus!